Nicola Steiner «Bei der Auseinandersetzung soll es um die Sache gehen»

Nicola Steiners Welt sind die Bücher. Die 40-jährige Moderatorin des «Literaturclubs» findet, Lesen sei Bildung der Herzen. Sie meidet die Höhe und pflegt eine lustvolle Streitkultur. 
Nicola Steiner
© Guadalupe Ruiz

Nicola Steiner auf dem Balkon ihrer Zürcher Altbauwohnung mit Sicht über den Gemeinschaftsgarten. 

Der Tag ist noch jung, als uns Nicola Steiner in der schönen Altbauwohnung eines ruhigen Zürcher Quartiers empfängt. Hier lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern, 9 und 6. Auf dem Küchentisch liegt «Gegenspiel» von Stephan Thome, ihre aktuelle Lektüre – zum zweiten Mal. Denn für ihre Radiosendung «52 beste Bücher» auf SRF 2 liest die 40-jährige gebürtige Berlinerin alles zweimal. Ein breiteres Publikum kennt sie, seit sie im Schweizer Fernsehen den «Literaturclub» moderiert. Bevor sie unseren Fragen offen wie ein Buch Rede und Antwort steht, holt sie ein Taschentuch, da sie unter Heuschnupfen leidet. Obwohl ihr ihre Kinder verbieten, Schweizerdeutsch zu sprechen, rutschen der Deutschen, die seit zwölf Jahren in der Schweiz lebt, immer wieder Ausdrücke in Mundart über die Lippen.

SI Style: Wie viele Bücher haben Sie gelesen? 
Nicola Steiner: Über tausend werden es schon gewesen sein. Leider vergesse ich wahnsinnig schnell, mein Gehirn ist nicht auf Dauer angelegt. Dafür weiss ich noch genau, wie ich mich beim Lesen gefühlt habe. Es gibt ein paar Bücher, die mich geprägt haben. Allerdings habe ich mich nie getraut, diese nochmals zu lesen, aus Angst, das Gefühl von damals zu zerstören.

Welche waren das?
Lion Feuchtwangers Josephus-Trilogie oder «Narziss und Goldmund» von Hermann Hesse. Die Russen haben mich in meiner Jugend total fasziniert, Tolstoi, Tschechow, Dostojewski. Die allerdings halten einer neuen Lektüre stand – das hab ich ausprobiert.

Wie viele Bücher besitzen Sie?
Etwas mehr als tausend. Mit jedem Umzug habe ich den Bestand arg reduziert. Je mehr ich lese, desto weniger möchte ich behalten. Desto weniger finde ich gut.

Muss es immer hochstehende Literatur sein?
Frank Schätzing, der zur Sparte Unterhaltung gehört, mag ich total gern. Einmal habe ich Robert Harris gelesen, das war für mich vergleichbar mit fernsehen: Ich konnte nebenbei noch an etwas anderes denken. 

Verfolgen Sie TV-Serien?
Oh ja! Zum Beispiel «House of Cards», «Kommissarin Lund», «Die Brücke – Transit in den Tod» … Die fünfte Staffel von «Game of Thrones» spare ich mir extra auf, damit ich dann alle Folgen am Stück schauen kann, denn eine Woche warten, bis die nächste kommt, das geht ja gar nicht. Sonntagabends schaue ich immer «Tatort».

Nicola Steiner
© Guadalupe Ruiz

Die Ketten und Ohrringe bekam sie von Mama, Oma und Ehemann geschenkt.

Besitzen Sie einen E-Reader? 
Ich habe ganz lange auf dem iPad gelesen, bis zu dem Moment, als ich selber Bücher besprechen sollte. Muss ich substanziell etwas sagen, komme ich mit dem digitalen Gerät nicht weiter. Das Memorieren funktioniert weniger gut. Ich lese keine Bücher mehr, die nichts mit dem Beruf zu tun haben. Es ist auch anstrengend, weil ich jede freie Minute nutzen muss, um das Pensum einzuhalten. Nur Zeitungen lese ich «aus Spass» – diese dann digital.

Was ist spannender als ein Buch?
Das Leben (lacht)!

Ihre schwerste Zeit? 
Als mein Ziehvater, dem ich sehr nahestand und bei dem ich lebte, seit ich drei war, gestorben ist. Da war ich 25.

Wann waren Sie am glücklichsten?
Am Tag meiner Hochzeit. Und in den beiden Momenten, als ich realisierte, dass ein gesundes Kind in meinen Armen liegt.

Was macht Sie schön?
Kosmetik. Glück. Viel Schlaf, wenn ich wählen dürfte, sogar Mittagsschlaf.

Wovor haben Sie Angst?
Vor Wasser, Naturgewalten wie Wind, Höhe. Ich bin generell sehr ängstlich.

Wären Sie gern unsterblich? 
Wenns die anderen auch wären. Schön wäre ein gutes, langes Leben, vorausgesetzt, dass die Liebsten das mitmachen.

Was kommt nach dem Tod?
Vermutlich nichts, am ehesten lebt mein Geist durch meine Nachkommen weiter.

Welche Romanfigur wären Sie gern?
Keine, denn meistens sind die Figuren ja todunglücklich oder scheitern im Leben. Vielleicht Pippi Langstrumpf – weil sie so stark und angstfrei ist.

Wären Sie gern Schriftstellerin?
Nein. Ich schreibe selber überhaupt nicht, null.

Wobei Sie journalistisch angefangen haben: Sie kamen wegen der Liebe nach Zürich. Aber nicht für einen Mann, sondern für ein Magazin.
Während des Studiums machte ich bei der Zeitschrift «Du» ein Praktikum, das war mein grosser Traum. Danach arbeitete ich bei Verlagen.

Nicola Steiner
© Guadalupe Ruiz

Die Fotografie ist vom Schweizer Daniel Schwartz, einem Ex-Arbeitskollegen beim «Du».

Warum sind Sie nach dem Praktikum ein zweites Mal in Zürich gelandet?
Der Chefredaktor des «Du», Marco Meier, fragte mich, ob ich bei ihm arbeiten wolle. Ich lehnte ab, weil ich sonst mein Studium nicht fertiggebracht hätte. Der nächste Chefredaktor, Christian Seiler, bot mir wiederum einen Job an. Damals stand ich schon im Berufsleben, liess alles stehen und liegen und sagte: «Natürlich komme ich!» Mit Marco Meier arbeitete ich später dann doch noch, bei der Sendung «Sternstunden».

Das lief ja wie nach Drehbuch. Gehen bei Ihnen alle Pläne so gut auf ?
Ich hatte Glück. Es waren weniger Pläne, vielleicht liegt es daran, dass sich alles so glatt fügte. Wenn ich etwas mache, dann mit Leidenschaft. Und etwas Fleiss kommt wohl auch noch dazu.

Was können Sie überhaupt nicht?
Alles, was mit Risiko zu tun hat. Jede Sportart, bei der es in die Höhe oder ins Wasser geht: Schwimmen, Surfen, Segeln kommen nicht infrage. 

Ihre Lieblingsgeschichte als Kind?
«Mein Esel Benjamin». Die Mischung aus Tier, einem blonden Meitli und Bildern einer griechischen Landschaft hat es mir angetan. Ausserdem «Pippi Langstrumpf», «Kalle Blomquist», «Die Brüder Löwenherz».

Welche Lektüre legen Sie Ihren Kindern ans Herz?
Alles von Astrid Lindgren. Sehr vieles von Diogenes, weil ich eine Zeitlang für Daniel Keel gearbeitet habe. «Der kleine Nick» ist auch nach dreissig Jahren immer noch grossartig. Mein Sohn ist derzeit auf dem Comic-Trip. Das ist in Ordnung, meine Kinder dürfen lesen, was sie wollen, Hauptsache, sie tun es.

Welche Familienrituale pflegen Sie?
Gemeinsames Frühstück, gemeinsames Abendessen, gemeinsame Tennispartien. Unser Alltag ist relativ stark ritualisiert, da wir sehr strukturiert sind.

Wie lernten Sie Ihren Mann kennen? 
Im Studium, vor zwanzig Jahren. Es war an meinem ersten Abend in Passau, und ich habe mich gleich in ihn verliebt. Ein Jahr später kamen wir zusammen.

Was ist Ihr Rezept für eine funktionierende Ehe?
Keine Ahnung. Mein Mann nimmt mich, wie ich bin, unterstützt mich und ist offen für meine Bedürfnisse. Und ich versuche, das auch zu sein. 

Was ist der schlimmste Liebeskiller?
Wenn man sich nicht mehr unterhält und sich nicht mehr streitet. Wir sind selten ein und derselben Meinung.

Sie sagten einst, Sie würden lustvoll streiten. Wie geht das?
Bei der Auseinandersetzung soll es um die Sache gehen. Man darf nicht die Persönlichkeit angreifen. So möchte ich auch vor der Kamera diskutieren. Mit Philipp Tingler bin ich nie einer Ansicht, wenns um Bücher geht. Wir mögen uns trotzdem gern.

Nicola Steiner
© Guadalupe Ruiz

Den Berliner Reisekoffer hat Nicola Steiner mit sechzehn ihrer Tante stibitzt.

Der Bücherbranche geht es schlecht. Was rechtfertigt 75 Minuten «Literaturclub» zu guter Sendezeit?
Ich glaube fest daran, dass Bildung das Leben erst lebenswert macht. Die Literatur schafft es, auf einer emotionalen Ebene Informationen zu übermitteln und das Mitgefühl für andere zu schärfen. Das ist Herzensbildung. Dass im deutschen Sprachraum einzig bei SRF in einer eigenen Sendung zu dieser Uhrzeit über Bücher diskutiert wird, ist der eigentliche Skandal. 

Wem würden Sie ein Denkmal setzen?
Daniel Keel.

Bis zu seinem Tod haben Sie ihm vier Jahre lang zweimal wöchentlich vorgelesen. Wie war er?
Kultiviert, humorvoll, er wusste genau, was er wollte, besass eine naturgegebene Autorität und ein ungeheures Wissen – ohne das alles permanent auszuspielen. Ich habe von ihm unendlich viel gelernt.

Vermissen Sie etwas?
Bis auf die vielen kleinen Wünsche, die ich mir jeden Tag gedanklich notiere, nichts. Ich bin dankbar für das tolle Leben, das wir hier führen. Könnte man die Zeit anhalten, würde ich das jetzt tun.

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