London Fashion Week Winter 2014 Interview mit Anja Leuenberger

Keinen Schlaf, den ganzen Tag von einem Casting zum anderen rennen, und alles aus der eigenen Tasche finanzieren – was das Schweizer Model Anja Leuenberger über ihren Alltag erzählt, hat wenig zu tun mit dem glamourösen Lifestyle, den man mit Models assoziiert. SI Style begleitet die Aargauerin, die in Zürich bei Fotogen unter Vertrag ist, während der London Fashion Week zum Casting von Topshop.
Anja Leuenberger BCBG Max Azria
© Imaxtree

Anja Leuenberger eröffnet die Show bei BCBG Max Azria.

SI Style: Sie sind gerade aus New York gekommen. Wie geht es Ihnen mit dem Jetlag?
Anja Leuenberger: Es sind fünf Stunden Zeitunterschied, das geht noch. Am Mittwoch hatte ich die letzte Show in New York, Jeremy Scott. Danach ging ich nach Hause und dachte, ich hätte etwas Freizeit, bevor es weiter geht. Doch dann rief die Agentur an und meinte ich soll sofort packen um den nächsten Flug nach London zu erwischen. Ich kam am Donnerstagmorgen in der Agentur an, duschte dort und ging direkt zu den Castings. Ich war an diesem Tag mehr als 28 Stunden unterwegs, das ist schon ermüdend.

Was sind Ihre Tricks, dabei wach und fit zu bleiben?
(lacht) Kaffee, Red Bull und laute Musik!

Sie sind diese Saison in New York das erste Mal für grössere Namen gelaufen. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Performance? 
Ja, klar! Ich könnte natürlich immer noch mehr und noch bessere Shows laufen, aber bis jetzt bin ich sehr zufrieden mit meiner Saison. Letztes Jahr habe ich viele kleine Schauen gemacht. Dieses Mal bin ich weniger gelaufen, dafür an grösseren Shows, was mir als Model mehr bringt. Es öffnet Türen. Wenn ich in New York grosse Shows laufe, habe ich danach in Europa bessere Chancen, für gute Namen gebucht zu werden. Die Show von BCBG Max Azria habe ich eröffnet und abgeschlossen, ich bin für Hervé Léger, Ralph Rucci, Reem Acra und Jeremy Scott gelaufen.

Wie sieht Ihr Tagesablauf während der Fashion Week aus?
Ganz am Anfang mache ich nur Castings, mindestens zehn pro Tag, und renne quer durch die Stadt. Bin ich dort, ziehe ich ein Paar High Heels an, laufe für den Designer, und dann geht es schon wieder weiter zum nächsten Termin. Manchmal bekomme ich ein «Call Back» und muss nochmals vorbei. Wenn ich dann gebucht werde, gehe ich zum Fitting und laufe später bei der Show. Es ist vor allem aber ein grosses Herumrennen.

Sind Sie nervös vor diesen Castings?
Nein, das gehört inzwischen zu meinem Alltag.

Wie gehen Sie mit Absagen um?
Das nehme ich völlig easy. Es hat schliesslich nichts mit mir persönlich zu tun. Machmal passe ich eben nicht ins Konzept. Wenn ich nicht so viele Shows laufe, mache ich dafür gute Shootings. Für mich ist das kein grosser Verlust - ich mache dann einfach einen anderen Job. 

Wie ist der Konkurrenzkampf unter den Mädchen?
Hmm, ich weiss nicht. Es ist sicher eine Anspannung da. Alle wollen die Shows laufen, aber nur wenige werden ausgewählt. Manchmal wird einem ein blöder Blick zugeworfen, es gibt ja auch arrogante Mädchen in diesem Business.

Sie sind kürzlich nach New York gezogen. Wieso haben Sie sich für diesen Schritt entschieden?
Ich war schon vorher in New York und habe mich in die Stadt verliebt. Dort sind aber auch die grössten Kunden und das meiste Geld. Ich verdiene viel besser in New York als in Europa.

Wie leben Sie dort?
Während der Fashion Week habe ich in einem Model-Apartment gewohnt, das hat mir die Agentur vermittelt. Mein Apartment hat zwei Zimmer mit je zwei Doppelbetten, also vier Mädchen pro Zimmer. Es ist kein Luxus, aber es ist okay. Wenn ich zurückkomme, will ich mir aber etwas Eigenes suchen. 

Haben Sie Heimweh?
Es geht. Ich vermisse natürlich meinen Freund (das Schweizer Model Edison Kelmendi) und die Familie. In New York ist es wegen dem Zeitunterschied leider schwierig zu skypen. Aber wir schauen, dass wir uns so oft wie möglich sehen. 

Neben Ihnen leben noch zwei anderen erfolgreiche Schweizer Models in New York, Ronja Furrer und Manuela Frey. Sind Sie befreundet?
Wir verstehen uns alle gut miteinander. Ronja und ich gehen ab und zu was zusammen essen oder treffen uns auf einen Drink.

Sie haben für den Online-Katalog von Victoria’s Secret gemodelt. Wie kam es dazu?
Das Casting für die Show macht derselbe Casting Director, der auch für die Fashion Week die Castings organisiert. Er hat mich angefragt, ich habe mich vorgestellt und bekam ein «Call Back». Für die Show hat es nicht geklappt, aber sie haben mich für den Online Katalog gebucht. 

Wissen Sie, wieso es für den Laufsteg nicht geklappt hat?
Es werden extrem viele Mädchen gecastet! Sie haben mir gesagt, es liege nicht an mir. Es gibt einfach zu viele Mädchen, die schon dabei sind, und sich gegen sie durchzusetzen, ist schwierig, besonders weil ich noch keine riesige Kampagne gemacht habe. Aber ich gebe nicht so schnell auf, die werden mich nicht gleich los (lacht)!

Essen Sie Pasta?
Ja! Wissen Sie, es ist nicht gut, sich zu viel zu verbieten. Mann will es dann umso mehr! Ab und zu muss ich mir einfach etwas gönnen.

Wie halten Sie sich fit?
Ich mache nicht mehr so viel Sport wie früher, dafür habe ich keine Zeit. Ab und zu mache ich Yoga oder gehe ins Gym. Ich versuche oft zu Fuss zu gehen. In New York kann man wirklich weit laufen (lacht). Aber ehrlich gesagt ist meine Figur vor allem durch den Stress ziemlich gut. 

Mit welchem Klischee übers Modeln würden Sie gerne aufräumen?
Was mich am meisten stört, ist, dass alle denken, man lebe einen luxuriösen Lifestyle und verdiene leicht Geld. Das ist nicht so. Man muss wirklich lange gratis arbeiten, bis man etwas erreicht. Auch die Flüge und die Unterkunft während der Fashion Week muss ich selbst bezahlen.

Danke fürs Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei den Shows!
Danke!

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