Zilvinas Kempinas Zauberer der Lüfte

Da tanzen Magnetbänder und rauschen Ventilatoren. Die Ausstellung «Slow Motion» im Museum Tinguely bewegt.

Als spielten zwei Vögel miteinander, die ihre Flugkünste ausloten, tanzen die zwei Magnetbänder in der Luft. Sie schweben über einem weissen, quadratischen Sockel, durch die Windkraft eines Ventilators in der Luft gehalten. Man könnte dem Zauber stundenlang zuschauen. «Flux» ist ein Werk von Zilvinas Kempinas, derzeit im Museum Tinguely in Basel zu bewundern.

Wenn Museum und Werk eins werden
Die Ausstellung «Slow Motion» ist perfekt auf das Tinguely-Museum zugeschnitten. Kempinas hat gemeinsam mit Direktor und Kurator Roland Wetzel die Schau geplant. «Seine schwerelosen Werke haben mich in anderen Ausstellungen tief beeindruckt», sagt Wetzel über den Litauen. Es ist die bisher grösste Einzelausstellung des Künstlers. Die Werke fügen sich teilweise so genial in die Räumlichkeiten ein, dass man sie fast übersehen könnte. In der Barca, dem Erschliessungsgang vom Erdgeschoss zum Galeriegeschoss, spannte Kempinas Videobänder vertikal und parallel vor die breite Fensterfront, wie eine Jalousie. Stellt man sich frontal vor das Fenster und blickt gerade hinaus, nimmt man die montierten Bänder kaum mehr wahr und schaut direkt auf den Rhein. Richtet man den Blick aber nach rechts oder links, ist nur noch eine schwarze Fläche sichtbar, auf der sich das Licht bricht.

Blick durch Magnetbänder auf den Rhein, Museum Tinguely
© Daniel Spehr

Zilvinas Kempinas, «Timeline», 2013: Videobänder entlang der sogenannten Barca im Museum Tinguely. Je nach Blickwinkel verändern sich Werk und Hintergrund.

Parallelen zu Tinguely zeigen sich auch in der Arbeitsweise von Kempinas. Als Ingenieur macht er sich physikalische Gesetzmässigkeiten zum Werkzeug seiner Installationen. «Beide spielen mit dem Elementaren, mit Luft und Leichtigkeit, mit Interaktion und Bewegung», sagt Wetzel. Wind spielt dabei eine Hauptrolle. So auch bei «Ballroom», einer Installation im Untergeschoss, wo Ventilatoren die treibende Kraft sind, Videobänder und farbige Glühbirnen in Bewegung halten und darüber hinaus Spiegelfolien flattern lassen. Dabei entsteht eine Geräuschkulisse, die den Besucher noch stärker einnimmt. Durch diesen Raum darf man hindurchspazieren, und es ist fast unheimlich, wie die schwebenden Magnetbänder auf das veränderte Volumen im Raum reagieren. Die Eindringlinge werden Teil der Choreografie.

 kreisende Glühbirnen, raschelnde Spiegelfolien und tanzende Magnetbänder
Zilvinas Kempinas

«Ballroom» 2010: kreisende Glühbirnen, raschelnde Spiegelfolien und tanzende Magnetbänder.

Einfach sind die Materialien, die Kempinas verwendet. Beispielsweise bei  «Moon Sketch», einem seiner frühsten Werke: An der Wand ist eine einfache Kartonrolle befestigt. Sie ist im Innern schwarz bemalt. Guckt man durch die Rolle hindurch, scheint es, als blicke man auf den kraterübersäten Mond. Tatsächlich aber schaut man durch das Guckrohr nur auf ein Stück Wand. Sein favorisiertes Material aber sind Magnetbänder. Der 44-Jährige begann vor fast zwanzig Jahren, mit ihnen zu arbeiten, als schon absehbar war, dass Kassetten bald einmal ausgedient haben würden. 

«Light Pillars», 2013: Die riesigen Säulen aus Eisen, mit Leuchtstoffröhren und Magnetbändern, kreierte Kempinas für die Ausstellung in Basel
© Daniel Spehr

«Light Pillars», 2013: Die riesigen Säulen aus Eisen, Leuchtstoffröhren und Magnetbändern kreierte Kempinas für die Ausstellung in Basel.

Wäre es nach seinen Eltern gegangen, wäre Zilvinas Kempinas Musiker geworden. Sie meldeten ihn an der Musikschule zum Klarinettenunterricht an. Doch sein Kunstlehrer erkannte sein Talent und überzeugte die Familie, den Sohn in Malerei zu fördern. 1987 begann er ein Studium in Malerei am Staatlichen Kunstinstitut in Vilnius. Während seiner Ausbildung fiel der Eiserne Vorhang. Im Zuge der Perestroika war Litauen 1990 die erste Republik, die ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion ausrief. Diese Zeit war prägend für den jungen Kempinas. In einem Gespräch mit Roland Wetzel erzählte er, dass damals ein Gefühl unbegrenzter Freiheit aufgekommen sei. Die Studenten erzwangen den Austausch von Professoren an der Kunstakademie und luden fortschrittlichere und weltoffenere Dozenten ein.

Musiker ist Kempinas nicht geworden. Aber er verwendet alte Bild- und Tonträger und kreiert daraus neue Bilder und Geräusche. Wer sich davon verzaubern lassen möchte, der gehe ins Museum Tinguely. Es lohnt sich.
Bis 22. September 2013.

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